/ about

andco on facebook andco on facebook
en de

andcompany&Co. nehmen Geschichte persönlich. History, Herstory, our story.

Gegen den Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit setzen sie sich als rastlose Raumfahrer durch den Kosmos der vergangenen und zukünftigen Ideologien, Theorien und Utopien zur Wehr. Hinter Walter Benjamins Engel kehren sie die Scherben auf und fügen die Splitter zu Prismen, in denen sich die großen Ks der Epochen brechen: Kommunismus, Kapitalismus, Kolonialismus. Immer mit der autobiografischen Rückschluss-Frage im Kopf: ist das Politische Primat?

Gründung & Co.

Das Kollektiv andcompany&Co. wurde 2003 in Frankfurt am Main ins Leben gerufen. Gründer waren der Theatermacher und -wissenschaftler, Autor und Performer Alexander Karschnia. Die Regisseurin, Autorin und Performerin Nicola Nord. Sowie der Musiker, Performer und Komponist Sascha Sulimma. Dem Gründungsgeist gemäß entstehen ihre Arbeiten in Ko-Regie, Ko-Autorschaft und als Ko-Produktion mit allen beteiligten Gewerken. Wobei auch die nationalen und internationalen Künstler*innen verschiedener Disziplinen, mit denen andcompany&Co. regelmäßig Kollaborationen eingehen, zu gleichberechtigten Ko-Kombattanten des jeweiligen Projekts werden. Entsprechend weiten sich die Netzwerke des heute in Berlin ansässigen Kollektivs mit Basis am HAU beständig.
Der flämische Regisseur und Autor Joachim Robbrecht zählt dazu, die bildenden Künstler Noah Fischer oder Jan Brokof, die Musiker Reinier van Houdt und Simon Lenski uva.

Von Lennon zu Lenin, von Marx zu May

Zu erster durchbrechender Blüte gelangt das andcompany&Co.-Prinzip 2006 mit der Inszenierung „little red (play): ‚herstory’“ (eingeladen u. a. zu den Wiener Festwochen). Erzählt wird die Fabel der futuristischen Pionierin little red, die als Temponautin mit rotem Helm die rewind-Taste drückt und zu den Anfängen der sozialistischen Utopien zurückreist. Ende der Geschichte? Anfang der Erzählung! Die fürs „Freischwimmer“-Festival entwickelte Produktion ist der erste Teil einer „Trilogie des Wiedersehens mit dem 20. Jahrhundert“. Die führt über „TIME REPUBLIC“ (UA Steirischer Herbst 2007) zu „Mauseoleum Buffo“, 2009 zum Festival Impulse eingeladen. Es sind Wühlarbeiten auf den Abraumhalden der Ideologien und den Gebrauchtmärkten der Popkultur. Um von Lennon zu Lenin, von Karl Marx zu Karl May, von Diktatoren zu Disney zu gelangen, braucht es keine weiten Gedankensprünge. Die Links und Loops liegen offen. Die ewige Wiederkehr der Geschichte mit neuem Gesicht oder auch Kostüm ist Faktum, nicht Fatum.

Der Remix als Realitätsprinzip

Die Themen geben dabei die Technik vor: Remix, Sample, copy&paste, Collage. Poptheater? Eher Popmoderne wie vorgefunden. Der Remix ist einer Realität entlehnt, die beständig Coverversionen von Revolutionen und ihren Kollapsen auflegt. Das Sampling bringt die Grundmelodie zum Klingen, die in Akkordvariationen unter allem liegt. Der Resonanzraum ist ein Europa, in dem Ost und West sich nicht als Antagonisten begegnen, sondern in der ideologischen Prärie den Friedensjoint rauchen. Siehe: „West in Peace – Der letzte Sommer der Indianer“ (2009). andcompany&Co. schauen in den Rückspiegel und nach vorn und entdecken in allen Lagern und Zeiten Wahlverwandte. Wie Jakob Michael Reinhold Lenz, von Goethe geschasster Outsider des Weimarer Klatschbetriebs. Und Bernward Vesper, Nazi-Dichtersohn an der RAF-Peripherie sowie Autor der fiebrigen „Reise“ – zwei Stürmer & Dränger des künstlerischen Scheiterns, zwar nicht in Zeitgenossenschaft vereint, dafür aber im irrlichternden „Pandämonium Germanicum“(2011).


Den Kanon kapern – Müller raucht Brecht

Als Absolventen der Frankfurter Schule des Geistes behaupten andcompany&Co ihre ganz eigene Text-Tradition und kapern den Kanon mit postdramatischen Mitteln. Bert Old Brecht zählt ebenso zu den favorisierten Klassikern wie Heiner „Der Seher“ Müller. Für ihre Inszenierung des „Fatzer“-Fragments brechen andcompany&Co. 2010 nach São Paulo auf. Ihr „FatzerBraz“ getaufter Brecht – um einige Lehren erleichtert und verlinkt mit dem „Minihandbuch des Stadtguerilleros“ von Carlos Marighella – lebt in der lateinamerikanischen Gegenwart mit brasilianischen Performern neu auf. Dort, wo sich an Brechts Zigarre eine ganz eigene Theatertradition entzündet hat und dem Wort Revolution noch kein Phrasenbart anhaftet. V-Effekt oder Victory-Zeichen? Wozu dialektische Haarspalterei betreiben.

Apropos Heiner Müller. Der ist als geistiger Vater des revolutionären, konterrevolutionären und konterkonterrevolutionären Diskurses in etlichen Arbeiten von andcompany präsent. Wie in der Performance „SHOWTIME: trial & terror“ (2008), die seine „Hamletmaschine“ beim Wort nahm und aufs Glücksrad der Geschichte spannte. Zuletzt hat er das Kollektiv am HAU im Rahmen des Festivals „Heiner Müller!“ (2016) zu dem Lecture-Konzert „2045: Müller in Metropolis“ inspiriert. Eine Seance über die mögliche Menschmaschinenwerdung inklusive Unsterblichkeitsbonus, die Müllers Diktum von der „totalen Besetzung mit Gegenwart“ endgültig einlösen würde. Willkommen Kreisschluss.

andcompany unplugged 

Lecture-Konzerte sind andcompany&Co.’s zweites Spielbein und favorisierte Strategie gegen die performative Monokultur. Außerdem willkommener Proberaum für diskursives Bonus-Material, das auf der Benutzeroberfläche der Realität aufploppt. Mit „Der Flucht der Minerva: Die Schlaflosigkeit der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (2014 entstanden anlässlich der Volksbühnen-Konferenz „Einbruch der Dunkelheit – Praxis und Theorie der Selbstermächtigung in Zeiten digitaler Kontrolle“) folgen sie Hegel in den Überwachungswald. Ins Dämmernde, wo die Sicherheitsgesellschaft vor lauter Morgen-Grauen kein Auge zutut. Für andcompany&Co. der Einstieg ins Thema Digitalität und Digitaldiät. Das verfolgen sie 2015 mit der theatralen Datenbergbesteigung „Archipel Google: Big Dada Revue“ weiter. Sie reisen mitten in die Arme der big, big Bytes-Krake. Und befragen den berühmtesten Suchkonzern der Welt. Ist Google Gott? Sieht man besser durch die smarte Brille? Der subversive Betriebsausflug startet vom Theater Neumarkt in Zürich, aka „The real  Mountainview“. 

Grenzbefreiter Widerhall

andcompany&Co. arbeiten seit ihrer Gründung grenzbefreit und besetzen den Theaterraum als  horizontoffene Internationalisten. Die freie Szene wird nicht als Festung begriffen, sondern als nach allen Seiten offenes Andockareal. Institutionen, Vorlagen und Formate werden oft für Allianzen auf Zeit gewählt. Für das Deutsche Theater Göttingen adaptieren andcompany&Co. die Filme „Wir Wunderkinder“ („Wunderkinder“,2011) sowie „Zur Sache, Schätzchen“ („Zur Sache!“, 2013). In Koproduktion mit dem Oldenburgischen Staatstheater entsteht das Stück „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ (2013). Für diesen deutsch-niederländischen Schulterschluss reisen andcompany&Co. nach Amsterdam. Und proben zusammen mit dem flämischen Theatermacher Joachim Robbrecht und weiteren Protagonist*innen den Opstand. An den Kreuzungen historischer Wegmarken trifft die Politprophetie des „Unsichtbaren Komitees“ aus der jüngeren Vergangenheit auf Schillers „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande“ von 1788, Occupy-Chöre hallen im „Don Carlos“ wider, rechtspopulistische Kulturkahlschläge finden ihr Echo im Protestgesang der neuen Geuzen, sprich: Bettler.


Facing White für Fortgeschrittene

Mit „Black Bismarck“ (2013) – inklusive der Vorläufer-Lecture „Black Bismarck previsited“ (Festival Foreign Affairs 2012) – tritt das politische Theater von andcompany&Co. in eine neu fokussierte und forcierte Phase ein. Die Beschäftigung mit den von Kommunismus und Kapitalismus wird erweitert um den untherapierten Themenkomplex Kolonialismus. Mit „Black Bismarck“ ziehen andcompany&Co. die Linie von der Berliner Afrikakonferenz 1884/1885 mit ihrem Resultat von Vertreibung und Völkermord in eine Gegenwart, in der Berliner Straßen noch nach Kolonialberserkern wie Adolph Lügenfritz oder Carl „Hänge“-Peters benannt sind. Facing White für Fortgeschrittene: den Kolonialismus im Kopf besiegen, während vom Eisernen Kanzler bis zur einsamen Kanzlerin nach der Weißheit letztem Schluss gesucht wird. Und Europa sich gegen Fluten zu wappnen versucht, die es selbst beschworen hat.

Orpheus oder Wo der Kopf singt

Zu den Grenzen der Gegenwart, die immer auch von gestern sind, brechen andcompany&Co. in der logischen Folge mit „Orpheus in der Oberwelt: Eine Schlepperoper“ auf (2014). Eine Reise an den Fluss Evros, der heute die Flüchtenden fernhält und in dem zu thrakischen Zeiten laut singend der Kopf des Orpheus trieb, nachdem ihn die Erinnyen zerrissen hatten. Musikalisch bewehrt mit Monteverdi und Gluck wird auf dem europäischen Sagen- und Klagen-Exkurs nicht nur eine von Cerberus Frontex bewachte Festung besichtigt. Sondern auch die Figur des Schleppers als schillernder Gesell zwischen Halunke und Helfer beleuchtet. Ganz ohne Furcht im Gepäck. Obwohl Angst ja das Gebot der Stunde zu sein scheint. Was Nord, Karschnia, Sulimma & Co. im heimführenden Umkehrschluss als Leitfaden für die Inszenierung „Warpop Mixtake Fakebook Volxfuck Peace Off! Schland of Confusion“ (2015) mitnehmen. Eine German-Angst-Revue aus den Untergangsbildern der 80er und dem heutigen Zittern der patriotischen Europäer.

In den Kostümen vergangener Revolutionen

Dabei remixen andcompany&Co. nicht zuletzt sich selbst. Die Querverweissucht der Geschichte macht auch vor dem eigenen Werk nicht halt. Die im „Orpheus“ betriebene Sinn-und Grenzsuche hat beispielsweise ihren direkten Vorläufer in der Produktion „europe an alien“ von 2005 (Forum Freies Theater Düsseldorf). Somit ein frühes Stück der Stunde – oder nur seiner Zeit voraus?
andcompany&Co. führen dessen ungeachtet die Beschäftigung mit den Kurzschlüssen der Geschichte fort. Auf die „Schlepperoper“ folgt die „Soko Casablanca“ – schließlich auch eine Fluchtgeschichte, wenngleich mit umgekehrtem Exil-Verlauf. Auf „Warpop“ folgt „Angie O“, eine antikapitalistische Frau Helferinnensyndrom frei nach Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. Und zum 100. Geburtstag zahlreicher Revolutionen weitere Revolutionenbesichtigungen zwischen Berlin und Brüssel. Das Rad dreht sich weiter. Und Revolutionäre werden auch weiterhin in den Kostümen vergangener Revolutionen auftreten.