Wenn Opfer zu Verdächtigen erklärt werden

Zärtlich, radikal, bitter: Das Theater Thikwa und andcompany&Co. sezieren im Hebbel am Ufer multiple Krisen und rechte Verschwörungserzählungen.

Zu Beginn geht es mehr als sehr verspielt zu. Die Dar­stel­le­r*in­nen entwerfen eine Szene im New York des frühen 20. Jahrhunderts: Debrecina Arega vom Theater Thikwa trägt einen altmodischen Hut und eine Federboa, sie spielt Emily Dunning Barringer, die erste Ambulanz-Chirurgin New Yorks, die sich maßgeblich für eine Professionalisierung der Notfallversorgung, bessere Ausstattung von Krankenwagen und strukturierte Ausbildung einsetzte. Kurz darauf befinden wir uns plötzlich auf dem Mond. (…)

(…)In diesem Moment kippt der Abend – sichtbar, körperlich spürbar im Publikum. Plötzlich ist klar: Hier geht es nicht um harmlose Rollenspiele oder ironische Doktorszenen. Hier geht es um den Versuch, den multiplen Krisen der Gegenwart ein theatrales Spiegelkabinett entgegenzusetzen: von atomarer Bedrohung über Drohnenkrieg, von Klimakatastrophe bis Kultureinsparungen, von abstrakten Systemkrisen bis zu sehr konkreten Toten.(…)

(…)Wie tröstlich deshalb das Schlussbild: Rund fünfzig Berliner Kulturschaffende schalten sich per Handyvideo auf die große Leinwand und singen gemeinsam eine große, herzzerreißende Hymne von Freddie Mercury. Geschrieben hat er sie, als er bereits schwer an Aids erkrankt war.

„The show must go on“: Ein Lied über das Weitermachen trotz Schmerz, Angst und nahendem Tod. Über den inneren Kampf zwischen körperlichem Verfall und dem unbeirrbaren Willen, weiterzuleben, weiter zu schaffen, weiter Kunst zu machen. Standing Ovations.

Autor

Susanne Messmer

Veröffentlicht

taz, 31.01.2026